6. LOTTO-Talk des Hamburger Fußball-Verbandes

„Euro 2024 in Deutschland“ – Auswirkungen, Chancen, Erwartungen

Über die bevorstehende Euro 2024 in Deutschland und die Nationalmannschaft haben am Montagabend vor dem Final Draw in Hamburg (Samstag in der Elbphilharmonie) beim 6. LOTTO-Talk folgende Gäste diskutiert und gefachsimpelt: Thomas Helmer (Europameister 1996), Patrick Esume (Offizieller EM-Botschafter Hamburgs und Football-Kommentator) sowie Christian Okun (HFV-Präsident). Durch den Abend führten Birgit Hasselbusch (Sportkommentatorin, Buchautorin) und Carsten Byernetzki (Pressesprecher Hamburger Fußball-Verband).

Er gehörte zu eben jener Mannschaft, mit der Deutschland zum letzten Mal Europameister wurde. Im Jahr 1996 feierte Thomas Helmer mit dem DFB-Team den ganz großen Coup bei der EM in England. „Wir sind nicht als Favorit hingereist. Keiner hat etwas von uns erwartet“, erinnert er sich – und gesteht: „1994 hatten wir bessere Spieler, waren aber keine Mannschaft.“ Das änderte sich zwei Jahre später. Parallelen zur heutigen Zeit? „Als Sportler ist es so: Wenn du kritisiert wirst, willst du es allen zeigen. Das war auch eine Trotzreaktion – und eine ganz besondere Atmosphäre. Mit dem ersten Spiel hat sich eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Damals hat alles gepasst. Ich hoffe, dass auch jetzt alles passt.“

„Mit dem ersten Spiel kannst du eine Euphorie entfachen“

Nach den letzten Auftritten des DFB-Teams deutet sich zum jetzigen Zeitpunkt ein ähnlich großer Wurf wohl eher nicht an. „Es fängt immer mit dem Sportlichen an und hängt davon ab, wie sich die Mannschaft präsentiert“, muss die Begeisterung im Lande erst entfacht werden. „Das erste Spiel ist immer das wichtigste. Damit kannst du die Euphorie entfachen.“ Was Helmer in diesem Atemzug bedauert: „Ich habe das Gefühl, dass viele Leute bis vor ein paar Monaten noch gar nicht wussten, dass die EM in Deutschland stattfindet. Im Moment präsentiert sich Deutschland – nicht nur im Fußball – nicht besonders gut.“

Doch woran hapert es bei den „Nagelsmännern“? Wo liegen im Allgemeinen die generellen Defizite? „Ich sehe keine Mannschaft auf dem Platz und wir können nicht mehr verteidigen. Die Jungs helfen sich nicht gegenseitig. Das ist das, was mir Sorgen macht“, entgegnet Helmer – und fügt an: „Wir versuchen, alles spielerisch zu lösen. Das gilt zwar auch für andere Nationen. Aber die können es besser“, befindet der einstige Phantom-Torschütze – und sieht noch weitere Aspekte abseits des Platzes: „Es wird alles zu sehr verwissenschaftlicht. Die Jungs werden mit einer Vielzahl von Daten überfordert. Das führt dazu, dass du nicht mehr der ‚Dreckssack‘ bist, weil alles vorgegeben ist. Wir fordern immer Persönlichkeiten, lassen sie aber gar nicht zu. Auch im Interview muss ich doch mal einen Fehler machen dürfen. Daraus lernst du, das stärkt dich. So aber entwickelst du keine Persönlichkeit.“

„Ich sehe nur noch wenige Charakterspieler“

Eine Kerbe, in die auch Patrick Esume schlägt. Bei einer Trainer-Fortbildung des DFB hielt er – neben sämtlichen U-Nationaltrainern – einen Vortrag über das Leitbild im Football. Sein Konsens: „Wie soll ich als 18-jähriger Spieler mit so vielen Leitbildern umgehen? Meines war relativ simpel. Aber wir haben doch viele junge Leute mit Vertrauensproblemen. Jungs, die einfach nur Fußball spielen möchten. Und dieses Identifikationsproblem löst du nicht, wenn du denen 800 Adjektive um die Ohren schmeißt, sondern sie tatsächlich auf einer anderen Ebene abholst. Das fehlt dem deutschen Fußball, denn ich sehe nur noch wenige Charakterspieler. In Interviews ist alles glatt gewaschen, alle sagen das gleiche.“ Wenn er den Fußball mit dem Football vergleichen müsste, würde er Jürgen Klopp am ehesten als Football-Coach sehen. Warum? „Weil er es schafft, seine Spieler auf einer persönlichen Ebene zu erreichen. Du brauchst Charaktere auf der Trainerposition, um andere Charaktere nach vorne zu bringen und zu stärken.“

„Gott sei Dank“, so Esume weiter, „haben wir beim Football eine andere Kultur. Das ist auch das, was ich mir für die Mannschaft wünsche: Du brauchst Charakterspieler und Typen, die auch ein bisschen anecken und kontrovers sind. Die Einzelspieler sind immer noch grandios“, sagt Esume, der im Jahr des letzten EM-Titel mit den Hamburg Blue Devils Deutscher Meister wurde und die Champions League gewann. „Wir haben das Finale damals als Mannschaft zusammen geguckt.“

„Das ist mein Job als Bundestrainer, diese Athleten zu finden“

Dieses Zusammenhörigkeitsgefühl, dieser Stolz, für sein Land spielen und es vertreten zu dürfen, sowie die Emotionalität, die damit einhergeht: All das schien dem DFB-Team zuletzt ein Stück weit abhandengekommen zu sein. „Ich bin zu jedem Länderspiel mit wahnsinnigem Stolz hingefahren. Dieses Gefühl vermitteln wir im Moment nicht. Das ist das Schlimme“, spricht Helmer aus eigener Erfahrung. Während Esume den Bundestrainer in die Pflicht nimmt: „Das ist meine Aufgabe, den Jungs beizubringen, was es bedeutet, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen und Nationalstolz zu haben. Das ist ein sehr behafteter Ausdruck. Aber du musst das Feuer entfachen und stolz darauf zu sein. Das ist mein Job als Trainer, diese Athleten zu finden, die diese Gedanken mit sich tragen – ansonsten wirst du keinen Blumentopf gewinnen.“

Zumal der Sport mittlerweile oft nicht mehr an erster Stelle zu stehen scheint. „Du kannst es nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen sehen: Du bist dabei, dich zu vermarkten. Das wird von dir erwartet, daran wirst du gemessen“, spricht Christian Okun ein weiteres Defizit an – und bezieht sich dann auf das Sportliche: „Wenn ich das Spiel gegen Österreich als Beispiel nehme: Das war keine Mannschaft. Das muss ein Trainerteam durchbrechen“, sind auch Julian Nagelsmann und sein Team gefordert. Allerdings sieht der HFV-Präsident auch die Möglichkeiten, die eine EM im eigenen Land mit sich bringt. „Wir haben einfach eine Chance, zu zeigen, wie toll diese Stadt ist und was sie ausmacht. Ich mache mir auch keine Sorgen – die Nationalmannschaft wird es schon machen“, versprüht er positive Energie. Er nehme „mit Freude wahr, wie sich die U17 gerade bei der WM in Indonesien schlägt“. Aber in Bezug auf die Männer-Nationalmannschaft stimmt er Helmer und Esume vollkommen zu: „Ich sehe es auch so, dass das teilweise viel zu verkopft und verwissenschaftlicht ist.“

Wartelisten bereiten Okun große Sorgen

Ein Problem, das schon ganz unten anfängt. „Wir haben allein in Hamburg 68.000 Kinder, die Fußball spielen. Im letzten Jahr haben wir von zwei Drittel der Vereine bei einer Umfrage die Rückmeldung erhalten, dass sich 2.900 Kinder auf einer Warteliste befinden. In diesem Jahr hat sich diese Zahl fast verdoppelt (5.500). Einige führen gar keine Wartelisten mehr, weil das ein Vorspielen einer falschen Hoffnung wäre“, sieht Okun eine bedenkliche Lage, die einerseits mit der fehlenden Platz-Kapazität („Wir haben zu wenig Fußballplätze!“) zu tun hat, aber auch damit, dass man „mehr ehrenamtliche Trainer ausbilden“ müsse. „Fußball ist begeisterungsfähig und einfach. Ich mache mir aber bezüglich der Wartelisten Sorgen.“ Nichtsdestotrotz sei „das Potenzial der EM enorm“ und für Okun auch „eine Chance, für das Ehrenamt zu werben. Das ist das, was wir uns vorgenommen haben“, hofft er auf eine positive Signalwirkung.

„Kommen die Leute, weil das ein Event ist, oder weil sie die Mannschaft so geil finden?“

Was die Jugendarbeit und den generierten Nachwuchs angeht, habe man „lange gepennt und uns darauf ausgeruht, dass es gut funktioniert hat“, sieht Helmer diverse Nationen, die inzwischen vorbeigezogen sind. Und dennoch löst die EM im eigenen Land einen großen Ticket-Boom aus. Für Helmer, der inzwischen seit über 20 Jahren in der Hansestadt lebt, stellt sich allerdings die Frage: „Kommen die Leute, weil das ein Event ist, oder weil sie die Mannschaft so geil finden?“ Die Hoffnungen auf ein neuerliches Sommermärchen hat Patrick Esume hingegen noch nicht aufgegeben. „Ich wünsche es mir. Die Atmosphäre, die 2006 in meiner Heimatstadt geherrscht hat, habe ich so noch nie erlebt“, weiß er aber natürlich auch, dass die Stimmung „von den Leistungen abhängen wird“.

Begeisterung, die Esume in seinem Job als Football-Kommentator versprüht und damit auch für einen großen Hype in Deutschland gesorgt hat. Als Repräsentant der Stadt ist der „Coach“, der einst selbst für den SC Union 03 und GW Eimsbüttel aktiv gegen das runde Leder trat, prädestiniert – und dementsprechend auch als EM-Botschafter der Stadt Hamburg unterwegs. „Ich habe das als Chance gesehen, tatsächlich über den Sport hinaus eine Plattform zu nutzen und auf die soziale Wichtigkeit hinzuweisen, was so ein Event mitbringt. Das war meine Motivation. Denn am Ende des Tages ist Football genauso ein Sport wie Fußball. Ohne den Sport wäre ich nicht da. All das hat bei Union 03 an der Waidmannstraße begonnen. Da ich aber mehr über den Kampf ins Spiel gekommen bin, war ich sehr schnell in einer anderen Sportart zu Hause“, witzelt er.

„So ein Turnier gibt uns die Chance, ohne schlechtes Gewissen zu genießen“

Mit einer Portion Humor, aber eben auch der notwendigen Ernsthaftigkeit geht Esume in seiner Rolle voll auf. „Was in der Welt los ist, ist absurd. So ein Turnier gibt uns eine Chance, ohne schlechtes Gewissen zu genießen und sich dabei gut zu fühlen. Das ist mir wichtig. Bei der WM 2006 hat sich Vieles schlagartig geändert. Du kannst als jemand, der anders aussieht, auch stolz auf Deutschland sein – und vor allem: zusammen feiern. Vielen ist gar nicht bewusst, was diese WM für viele Menschen bedeutet hat“, blickt er auf die „unglaubliche Atmosphäre“ im ganzen Land zurück – und macht deutlich: „Für Hamburg bin ich immer am Start!“ Auch Helmer konstatiert: „Ich bin hierhergezogen, weil ich mich in Hamburg immer wohlgefühlt habe. Das Flair dieser Stadt ist besonders. Hamburg hat einen richtig guten Ruf. Darauf darf man hier auch stolz sein und sollte sein Licht nicht immer unter den Scheffel stellen.“

In der Woche vor dem Final Draw am Samstag in der Elbphilharmonie ist die Vorfreude auch bei der Behörde für Inneres und Sport, auf die im Vorfeld jede Menge Arbeit zukam, riesengroß. Aber: „Das ist positiver Stress“, sagt Thomas Kühn, der als Vertreter ebenfalls beim 6. Lotto-Talk anwesend war. „Wir freuen uns darauf. Denn es reicht jetzt mit der Theorie. Es wird Zeit für die Praxis“, fiebert man der Auslosung, die das eine oder andere Highlight mit sich bringen soll und wird, bereits entgegen. Gleiches gilt für die ehrenamtlichen Helfer und sämtliche Volunteers. Dominik Voigt, der eigentlich für den HFV, aber auch für die Euro GmbH und sämtliche Volunteers tätig und verantwortlich ist, berichtet: „Es gab 10.500 Bewerbungen für 1.600 Plätze. Die Begeisterung und der Zulauf, als Volunteer tätig zu sein, sind sehr groß. Viele haben Bock, mit anzupacken.“

„Deutschland wird Europameister!“

„Die Welt zu Gast bei Freunden“, der Slogan der WM 2006. Der Wunsch für die EM 2024 in Deutschland? „Für mich ist das nicht immer selbstverständlich, dass wir so ein Turnier in einem Land veranstalten können, wo es freundlich und friedlich zugeht. Ich hoffe auf gutes Wetter und wünsche mir, dass die deutsche Nationalmannschaft weit kommt“, erwidert Okun, der Frankreich als Favoriten ausmacht. Auch Helmer ist „ein bisschen bei den Franzosen“, wünscht sich „eine Riesenbegeisterung in den Stadien“ und hofft, „dass wir erfolgreich leiden werden“. Esume über den „Super Bowl“ des Fußballs: „Ich wünsche mir, wenn ich am Fanfest vorbei gehe, dass es voll ist und ich ein Familien-Fanfest sehe. Was das Sportliche betrifft, wünsche ich mir, dass unsere Mannschaft – unabhängig davon, ob sie gewinnt oder verliert – inspirierenden Sport auf den Rasen bringt, dass man sieht, dass sie es will – und den Bundesadler mit Stolz vertritt. Deutschland wird Europameister!“